Mr. Jochen Stechmann – Minister for Communications, Media and Medieval Music

Minister_Jochen_StechmannMein musikalischer Lebenslauf

In meinen Elternhaus – einem malerischen Bauernhof im Alten Land, dem Blütenparadies an der Niederelbe – gab es in meiner Kindheit schon einen richtig schicken Plattenspieler im 70er Jahre Design: flach, breit, versilbert und im Set mit holzeingefassten Lautsprechern. Die Basis für eine fruchtbare musikalische Entwicklung war im Prinzip also gelegt. Leider  war aber die Musikauswahl dazu sehr beschränkt. Wir hatten nämlich nur zwei Platten, die  jeweils zu den angebrachten Anlässen gespielt wurden:

Die erste Platte, “The Very Best of Richard Claydermann” begleitete alljährlich mit ihren sanft eingespielten Klaviermelodien das besinnliche Altländer Weihnachtsfest. Unter den wohlwollenden Augen unserer Eltern packten ich und meine Schwestern zu den Klängen von „Ballade pour Adeline“ und „Für Elise“ unser Geschenke aus. Die Welt war in Ordnung, und dabei sehr klar umrissen…

Die Platte Nr.2 war ein 70er Jahre Disco-Sampler mit „heißen Nummern“ von den Bee Gees, Blondie, John Travolta, Abba und vielen anderen. Diese LP lief anlässlich der damals noch zahlreichen Haus-Partys, die meine Eltern mit Ihren Freunden feierten – und die mich immer sehr beeindruckt haben, weil die Erwachsenen dabei, unter ausgiebigem Alkoholgenuss, sich wirklich ausgelassen, und zu fortgeschrittener Stunde  sogar ‘exzessiv’ aufführten. Am nächsten Morgen, wenn noch alle still leidend ihren Kater ausschliefen, konnte ich dann im Wohnzimmer die Partyreste untersuchen, und zum Geruch von schal gewordenen Bier mich zum Frühstück mit den Resten von pappig gewordenen Chips oder Erdnüssen aus klobigen Glasschalen vollstopfen. Und auf der Anlage lag sie noch, die LP. Es war herrlich.

Die für mich herausragende Nummer der LP “HIGH LIFE -20 Top Hits”, die mich auch heute noch in das damalige Gefühl versetzt, war Genesis’ „Follow You Follow Me“

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich aus diesem mir durch den Einfluss der gegenübergestellten musikalischen Pole von disco-beat Exzess und romantischer Besinnung eingeimpften Spannungsfeld ein eigener Musikgeschmack mit voller pubertärer Wucht entwickeln sollte. Denn die jugendliche Mittelklasse-Identität definiert sich doch im Kern durch die Art der Musik durch die man sich abzugrenzen sucht.

Leider fand diese – also meine – Pubertät mitten in den Achtziger Jahren statt – also musikalisch gesehen in einer sich selbst entteerenden, immer mehr kommerzialisierenden Wüstenlandschaft – zumindest wenn man sich auf den ‘Mainstream’ bezieht. Und zu irgendetwas was sich außerhalb dieses Mainstreams als “Independent” kategorisieren ließe, hatte ich erst einmal gar keinen Zugang. Es gab dann eine kurze A-HA Phase, mit ausgetauschten raubkopierten Kassettenbändern und dem entsprechenden Look – also wie Sänger Morton Harkett (Hackett?) ein Lederbändchen ums Handgelenk. Das war aber vorrübergehend, flüchtig. Insgesamt hatte ich ziemlich schnell erfasst, dass das was damals im Radio gespielt wurde, so ziemlich totaler Schrott war.

Da ich sowieso beschlossen hatte, von dieser Bundesdeutschen Gesellschaft die Nase voll zu haben und Teil einer umstürzlerischen Jugendbewegung zu werden (wo war die nur?), machte ich mich auf die Suche nach dem entsprechenden Soundtrack für diesen Aufstand. Und den fand ich an unerwartetem Ort.

Damals war Rollenspiel was ganz neues – und zwar noch ganz analog, also mit Büchern und kopierten Spielregeln, und auswürfeln der Kämpfe. Das war zwar nicht cool, aber ich war ja auch irgendwie auch Nerd (auch wenn’s das Wort damals noch gar nicht gab). Jedenfalls, das Finale eines dieser Rollenspiel-Abenteuer fand in einer Erdbebensituation sukzessiv einstürzenden Tropfsteinhöhle statt . Und in der Anleitung stand: “Untermalen sie die Szene mit passender Musik um ihren Spielern einen Eindruck des Geschehens zu vermitteln. Dafür eignet die Platte Ummagumma von The Pink Floyd”.

Musik die sich wie einstürzende Tropfsteinhöhlen anhört! Das schieben mir die richtige Antwort auf Claydermann und 70er Disco. Die Platte habe ich mir dann über einen Versandhauskatalog bestellt. Es dauerte damals noch eine Weile aber dann kam sie –meine erste eigene Schallplatte, und sie war schon vom Cover her vielversprechend: mit Fotos von ernst dreinschauenden, langhaarigen Hippies. Bei der nächsten Gelegenheit saß ich dann im leeren Elternhaus alleine im Wohnzimmer und spielte Ummagumma auf unserer mittlerweile altmodischen, aber klanglich durchaus passablen 70er Jahre Anlage – vorsichtigerweise aber erst einmal bei niedriger Lautstärke, falls jemand unerwartet nach Hause käme. Ich war sehr, sehr aufgeregt.

Und wenig später war ich sehr, sehr verwirrt. Dieser psychedelische Trip im Altländer Bauernhaus war ein musikalischer Kulturschock für mich. Es war irgendwie wahnsinnig schräg, soviel war sicher, aber ich wusste einfach gar nicht, was ich davon finden sollte, und ob das überhaupt Musik war…

Ich habe dann die Platte versuchsweise durchgehört, um wenigstens zu verstehen, welches Stück denn die Macher des Rollenspiels sich für die Untermalung ihrer Spielszene vorgestellt hatten.  Aber es war mir nichtmal möglich, genau zu sagen, welches dieser Lieder wie eine einstürzende Tropfsteinhöhle klang. Es war schon so, das in jedem der Stücke irgendwie etwas kaputt zu gehen schien, oder etwas nicht ganz in Ordnung war. Aber hinabfallende Stalaktiten?

Ich tat, was man damals in so einem Fall als Jugendlicher tat: Im Experiment herausfinden

a) um was es sich handelt und

b) ob es cool ist.

Zu diesem Zweck gab ich einem eindeutig coolen Freund namens Lutz eine Kopie der Platte, ob er da mal reinhören wolle? Die Rechnung ging auf: beim ‘reinhören’ war die Mutter von Lutz ins Zimmer gekommen und hatte gesagt, nein ausgerufen: Was sei das für Drogenmusik? Er solle das sofort ausmachen, sofort! Die Musik war also nachgewiesener weise ober-cool. Und auch wenn ich sie doch zu beunruhigend fand um sie wirklich oft zu hören, so war ich doch sehr stolz: Ich hörte Drogenmusik.  Auch wenn ich bis dahin noch nie richtig Drogen genommen hatte…aber das wusste ja keiner. Und dem war ja auch abzuhelfen.

Während also in der folgenden Zeit meine Klassenkameraden sich mit Kylie Minogue, David Hasselhoff, Bros, Sandra und Duran Duran berieselten, fand ich in der provinziellen Kleinstadt Anschluss an eine Kiffer – Szene in der wir Pink Floyd, Brainticket, Bröselmaschine, und Crosby, Stills, Nash and Young hörten.

Technisch gab es allerdings ein paar Probleme mit dem Hippie Lifestyle. Der letzte Bus heim ins Alte Land fuhr nämlich immer schon um 18.20h aus der Provinzstadt ab. Somit waren die Möglichkeiten des Partymachens einigermaßen beschränkt, zumal ich sozial auch nicht genug eingebettet oder angesagt war, als das Menschen mir oft Schlafplätze angeboten hätten. Und da ich ängstlicher Natur bin, bedurfte auch das Drogennehmen immer einer guten Vorbereitung und logistische Planung – letztlich vielleicht auch nicht verkehrt.

In dieser Hippie-Blase blieb ich musikalisch ein paar Jahre mehr oder weniger stecken, noch ausgarniert mit Ton Steine Scherben.

Alles sehr, sehr retro. Aber dann passierte plötzlich musikalisch wieder was unerwartes in der Gegenwart:

Ich weiß noch genau wo ich dieses Lied zum ersten mal gehört habe: Im Buxtehuder Freizeitheim auf einem schlecht besuchten Discoabend. Da kommt plötzlich diese Nummer aus den Lautsprechern, und die Art wie sie produziert ist, macht sofort mir klar: das ist von JETZT hierbei handelt es sich um aktuelle, ja Pop – Musik, und die ist so gar nicht Scheiße, sondern ganz im Gegenteil, die beschreibt auf eine Art und Weise mein eigenes Lebensgefühl so akkurat, dass ich eine Gänsehaut kriege, und nachhaltig in den Moment hineingeschleudert werde. Das ist meine Musik, und dass die jetzt plötzlich im Radio gespielt wird, verschafft mir auf eine ganz andere, befreiende Art und Weise ein Existenzrecht…

Diese auf eigene Entwicklung gerichteten Gedanken eines jugendlichen Mitglieds der weißen Mittelschicht habe ich damals natürlich nicht wirklich in ausformulierter Form im Kopf, ich erfahre die Erkenntnis eigentlich eher intuitiv, und zwar während ich Lars M. zuschaue, dessen hagerer Körper zu eben dieser Nummer -“Smells like teen spirit” von Nirvana -auf der ansonsten verlassenen Tanzfläche des Freizeitheims ausflippt.

Danach wurde alles gut. Oder?

(read here the background story Nirvana’s appearance at the 1992 MTV music awards)

 

Korrektur 1:

Meine erste Platte war gar nicht wirklich Ummagumma. Das war mein zweite Platte. Meine erste war eine andere, für die ich mich aber sehr schäme. Den Text kann ich aber trotzdem noch immer mitsingen: